Mein Traum von Roth
Die letzten zwei Wochen vor dem Wettkampf waren mental nicht einfach. Die Angst, dass mich irgendwas oder irgendwer noch vor einem Start hindern kann, war omnipräsent. Die erste Erleichterung hat sich dann am Freitag vor dem Rennen eingestellt, nachdem ich alle meine 1000 Dinge ins Auto geladen habe und mich auf den Weg nach Roth machte. Dort angekommen habe ich meine Startunterlagen abgeholt und das Expo Gelände unsicher gemacht– das 9000€ Rad von Cube habe ich nicht mitgenommen…
Am Abend habe ich mich dann zu unserem ehemaligen Kollegen Andi und seiner Frau Ina aufgemacht – beide haben mir netterweise einen Homestay in Büchenbach (an der Laufstrecke) angeboten. Die beiden waren der Hammer, sie haben mich zu 120% unterstützt und wurde mit jeder Stunde meiner Anwesenheit enthusiastischer. Von Fahrdiensten, Bewirtungen bis hin zum Anfeuern an der Strecke und Empfang im Ziel war alles dabei! Die Zwei haben diesem Wochendende die Krone aufgesetzt.
Wer sich mein Bericht von Ingolstadt durchgelesen hat und sich über die Logistik im Vorfeld gewundert hat, kann sich jetzt noch mehr wundern. Mit mehr als doppelt so vielen Athleten, zwei Wechselzonen die 8 Kilometer auseinander liegen, ist die Logistik hier eine richtige Herausforderung. Das Studium der Unterlagen ist eine echte Herausforderung. Was wann zu welcher Zeit in welchem Beutel wo abgegeben werden muss, lässt einen schon manchmal schwindelig werden … Man möchte ja auch nichts falsch machen sonst stellt man während des Rennens fest, dass die Radschuhe im falschen Beutel und dadurch in der falschen Wechselzone liegen! Samstag habe ich dann den Tag für die Beutel-Logistik genutzt und am Nachmittag mein Fahrrad in die Wechselzone eingecheckt. Der Wahnsinn: Über 4000 Fahrräder auf einem Haufen, das ist schon beeindruckend.
Mit der Gewissheit, dass ich jetzt auch an den Start gehen kann, werde ich immer ruhiger. Um 4:00 Uhr am Sonntag werde ich sogar von meinem Wecker geweckt, Frühstück geht passabel runter und ich mache mich mit dem Auto auf zum Start. Vom Parkplatz zum Schwimmstart muss man wieder eine ganze weile laufen, alles ist aber ganz ruhig und die Mischung aus Vorfreude und Anspannung beschert Gänsehaut – oder vielleicht auch die Temperatur von nur 10°C … Um ca. 5:00 Uhr in der Wechselzone angekommen, mache ich mein Fahrrad renntauglich, Kette nochmals pflegen – es war ganz schön feucht in der Nacht – Schuhe am Rad anbringen, Verpflegung verstauen etc. Alles wird untermalt von klassischer Musik – eine ganz unwirkliche Stimmung.
Um 6:30 starten dann die ersten Profis. Die Sonne wärmt jetzt schon ganz schön und überall am Kanal stehen den Zuschauern und machen richtig Stimmung. Ich bin nervös, freue mich aber auf meinen Start um 7:25 Uhr.
Kurz vorher gehen ca. 250 Starter in die Startzone und man muss ein kleines Stück zum Start schwimmen, pünktlich ertönt der Startschuss und ich begebe mich auf das erste Teilstück. Das Schwimmen ist für einen Triathlon relativ entspannt, immer wieder wird es zwar etwas eng, aber das habe ich schon alles schlimmer erlebt. Ich versuche meine eigene Linie zu schwimmen und halte mich etwas aus dem Trouble raus – ich kann schneller und kraftsparender schwimmen, wenn ich nicht die ganze Zeit auf andere achten muss. Die Schwimmstrecke ist sehr einfach zu schwimmen, einmal hoch den Kanal, umdrehen, wieder zurück, umdrehen fertig! Die 3,8km sind schnell vorbei – beim Ausstieg stehen 1:13 auf meiner Uhr – etwas schneller als geplant. Check! Schwimmen abgehackt, jetzt noch schnell den roten Bike-Beutel schnappen, den habe ich vorher an seinem Platz abgelegt, direkt hinter dem Schild für die 2070. Alle Beutel sind kurz nach dem Schwimmausstieg nach Startnummern sortiert in Zehnerschritten, durch Schilder getrennt auf dem Boden aufgereiht. Meine Startnummer ist auch 2070, ist also leicht zu finden – dachte ich … mein Beutel liegt da nämlich nicht mehr! Mist, was passiert jetzt!? Ich spreche die Helfer an, es heißt ich soll schon mal ins anschließende Wechselzelt laufen, als ich feststelle wie viele Menschen da drin sind und rumwirbeln frage ich mich was das bringen soll!? Ich laufe bis zum Ende durch und erkläre einer Helferin mein Problem, die macht sich sofort auf und sucht meinen Beutel. In der Zwischenzeit ziehe ich schon mal meinen Neoprenanzug aus und creme mich ein, mehr sinnvolles fällt mir leider nicht sein. Auch wenn es nur ein paar Minuten dauert, fühlt sich das Warten nach einer halben Ewigkeit an. Die nette Helferin hat endlich meinen Beutel gefunden, er war wohl irgendwo anders … vermutlich hat jemand versehentlich meinen Beutel gegriffen und dann wieder falsch abgelegt – der Tag fängt ja gut an! Ich versuche mich durch den Vorfall nicht aus dem Konzept zu bringen, hole meine Startnummer aus dem Beutel und stopfe, Anzug, Schwimmkappe, Brille rein und flitze zu meinem Fahrrad. Helm auf und dann ab zum Radaufstieg. Ich fahre los und gebe erst mal ein bisschen Gas, um in Schwung zu kommen, die Schuhe ziehe ich mir auf dem Weg zur Brücke an, dort stehen unzählige Zuschauer, die peitschen uns alle richtig an. Es ist ganz schön was los auf der Strecke, es sind ja auch ca. 2000 Athleten vor mir auf die Reise gegangen. Die Radstrecke macht richtig Spaß – ich achte darauf mich wirklich in meinem geplanten Leistungsbereich zu bewegen.
Nach ca. 40km höre ich ein schleifendes Geräusch, im ersten Moment bin ich mir nicht sicher, ob das Geräusch von einem anderen Rad kommt – stelle aber dann fest dass es von meinem Fahrrad kommen muss. Oh Mann! Was ist jetzt schon wieder los!? Das Geräusch kommt von einem Startnummernaufkleber, der sich auf die Lauffläche meines Vorderreifens geklebt hat. Den hat wohl ein Athlet von seinem Helm verloren … ich warte eine Weile und frage mich, ob der Aufkleber vielleicht von selbst wieder wegfliegt. So wie er aber da drauf klebt sieht das eher nicht so aus, also entscheide ich mich vor dem nächsten Anstieg kurz anzuhalten und den Kleber abzuziehen – dann geht’s wieder weiter. Nächstes Problem gelöst, hat zum Glück nur ein paar Sekunden gekostet.
Die Radstrecke macht richtig Spaß und ich überhole viele vor mit gestarteten Athleten, leider gibt es auch immer wieder vereinzelt Unfälle auf der Strecke, ich hoffe nur dass es den gestürzten Athleten gut geht und mir sowas nicht passiert. Die Strecke ist mit Stimmungsnestern gespickt, es macht irrsinnig spaß da durchzufahren. Die unzähligen Helfer an den Verpflegungsstationen machen einen spitzen Job, alle sind so aufmerksam, dass jede Flaschenübergabe problemlos funktioniert. Meine Verpflegung mit Gel und Iso funktioniert bisher super. Kurz vor Ende meiner ersten Runde werde ich von der Profi-Männerspitze überholt und dann geht es auf der Solarer Berg zu – das absolute Highlight dieses Triathlons. Menschen kommen wegen diesem Berg aus der ganzen Welt nach Roth, um hier hochzufahren. Und was soll ich sagen, ich werde das nie wieder vergessen! Die knapp 1000m lange Steigung ist ein Spalier aus kreischenden und jubelnden Menschen – es ist so eng, dass gerade ein Fahrrad durchpasst. Das ist der absolute Wahnsinn! Zusätzlich fährt vor mir der Renndirektor Felix Walchshöfer auf dem Motorrad hinauf und feiert die Zuschauer – oben angekommen klopfe ich ihm vor Begeisterung auf die Schulter und er lässt mich sogar vorbei …
Nach diese Adrenalindusche geht es wieder durch Hilpoltstein auf die 2. Runde. Dier ersten Runde war sehr gut und ich liege noch ganz gut in meinem 10h Plan. Trotz Panne in der 1. Wechselzone bin ich optimistisch, dass ich Ziel #3 schaffen kann. Ich bleibe konzentriert und freue mich auf die zweite Runde – jetzt lichten sich schon die Reihen etwas und es wird ruhiger auf der Radstrecke. Langsam merke ich aber auch dass meine Beine etwas müder werden, versuche aber trotzdem die 200 Watt zu treten. Sogar beim zweiten Mal am Solarer Berg waren immer noch viele Menschen da und die Stimmung ist super. Danach geht es dann in Richtung Wechselzone nach Roth hinein und die 180 Kilometer sind abgehakt. Nach 5h16 Minuten übergeben ich einem Helfer mein Fahrrad. Das ist zwar 6 Minuten hinter meinem Plan, mit einem schnellen Wechsel und einem richtig guten Marathon kann ich die 10h aber vielleicht noch erreichen. Irgendwie habe ich auf der zweiten Runde etwas rumgebummelt …
In der zweiten Wechselzone liegt nun mein blauer Beutel mit der Startnummer 2070 bereit, den habe ich heute früh am Start abgegeben. Das Prinzip ist so, dass man nach der Abgabe seines Rads seinen Beutel gereicht bekommt bevor man in das Wechselzelt läuft – so die Theorie … ich stehe schon kurz vor dem Wechselzelt aber einen Beutel habe ich noch keinen. Ich rufe den Helfern meine Nummer zu, das funktioniert aber nicht. Also gehe ich wieder zurück auf die Höhe der Beutelreihen, wo ich meinen Beutel vermute, und rufe dann einem Helfer nochmals meine Nummer zu – irgendwann bekomme ich dann auch meinen Beutel – oh Mann schon wieder Zeit verloren. Von diesen bunten Beuteln bekomme ich langsam Albträume …
Ich leere meinen Beutel aus, creme mich noch kurz mit Sonnencreme ein und ziehe sorgfältig meine Socken und Schuhe an. Eine Helferin räumt mir alle Sachen in den Beutel, die ich nicht mehr brauche und setzt mir sogar meine Cap auf – sehr nett! Ich bedanke mich und laufe aus der Wechselzone raus, dort sehe ich auch meine Familie und ich freue mich sehr, dass sie hier sind.
Die Laufstrecke geht direkt an den Main-Donau-Kanal zurück und dann an dem Kanal hoch und wieder runter. Es ist dort schon recht warm, die Verpflegungsstationen kommen aber alle 1,7 Kilomter. Trotzdem kommt mir der Abstand echt lang vor. Damit ich mein Ziel von 10h überhaupt noch erreichen kann laufe ich mein einer Pace von ca. 4:40 bis 4:45 los. Das fühlt sich eigentlich erst mal sehr gut an. Ich versuche mich weiter mit Gel und Iso zu versorgen, allerdings viel weniger als beim Radfahren da der Magen beim laufen weniger aufnehmen kann. Wegen der Hitze habe ich mir noch Salztabletten an die Geltüten geklebt. Allerdings merke ich, dass ich nach etwa 6 Kilometer auf die Toilette muss, irgendwie habe ich etwas Bauchkrämpfe. Nach dem Toilettenstopp ist das noch nicht wirklich viel besser und ich beschließe erst mal auf Gel und Iso zu verzichten und nehme erst mal nur Wasser an den Verpflegungsstationen zu mir – in der Hoffnung, dass mein Magen-Darm sich wieder etwas beruhigt. Ich möchte ja das Rennen nicht auf einem Dixi-Klo beenden. Das Tempo kann ich aber weiter ganz gut hochhalten. Die Strecke am Kanal ist unerbittlich lang, gerade und heiß – nach der Wende bei etwa Kilometer 20 bis 22 merke ich schlagartig, dass der Speed nachlässt. Mir wird es schon leicht schwummrig und ich erkenne, dass ich jetzt was ändern muss, sonst endet das Rennen entweder in der Wiese auf der rechten Seite oder im Kanal auf der linken Seite des Weges. Ich beschließe bei der nächsten Verpfegungsstation eine Pause einzulegen und mich ausgiebig zu verpflegen. Dort trinke ich Cola, Wasser und esse Salzbrezeln. Die Cola hilft erst mal etwas den Kreislauf zu stabilisieren und ich laufe weiter. Ich gehe einen Deal mit mir ein: Von nun an mache ich an jeder Verpflegungsstation einen kurzen Halt, um mich anständig zu verpflegen, dafür wird aber zwischen den Stationen auch noch ordentlich gelaufen. So funktioniert das erst mal wieder einigermaßen und ich komme wenigstens weiter. Von nun an wird das Wasser-Cola-Salzbrezel-Gemisch mein bester Freund und ich hoffe, dass mein Magen damit klarkommt. Bei Kilometer 28 kommt man wieder durch Roth, da begrüße ich wieder meine Familie, jetzt geht es nur noch nach Büchenbach hoch und dann ins Ziel – leider benötige ich doch nochmals einen Stopp auf dem Dixi weil mein Magen immer noch rebelliert. Besser wird das heute wohl nicht mehr…
In der Zwischenzeit schmerzt sowieso jeder Schritt, da ist der Magen auch fast schon egal. Der „Aufstieg“ nach Büchenbach ist nochmals ganz schön hart, die steilsten Stücke gehe ich um Kraft zu sparen, dann laufe ich wieder weiter. Oben angekommen werde ich von meiner Homestay-Familie und einem Kollegen angefeuert, das gibt nochmals kraft für die letzten 7 Kilometer. Auf dem „Abstieg“ nach Roth merke ich, dass runter laufen eher noch schmerzhafter ist wie hochlaufen, es geht nur einfacher – also lass ich meine Beine einfach laufen und akzeptiere den Schmerz.
Auf den letzten zwei Kilometern hat mich meine Familie nochmals angefeuert, das habe ich aber schon gar nicht mehr mitbekommen – jetzt hat wohl der Autopilot übernommen. Glücklicherweise bin ich dann vor dem Ziel wieder aufgewacht und konnte den Einlauf in das Stadion aus vollen Zügen genießen. Es waren auch richtig viele Zuschauer da und ich bin einfach nur froh durch das Zieltor zu laufen. Mit einem Marathon von 3h42minuten bin ich etwa 15 Minuten hinter meiner Wunschzeit geblieben. Somit habe ich mein Ziel von 10h um 21 Minuten verpasst. Ärgern muss ich mich aber darüber nicht, es war ein fantastisches Erlebnis hier in Roth.
Ich bin stolz darauf, dass mich die Problemchen nicht aus der Ruhe gebracht haben und ich immer einen Weg gefunden haben mein Traum vom Finish in Roth zu erfüllen. Es war sicher nicht das perfekte Rennen, aber es war trotzdem ein perfektes Wochenende: die Helfer, die Zuschauer, die Athleten, die Rekorde, die Organisatoren, meine Homestay-Familie und meine Familie habe es dazu gemacht. Dieses Erlebnis wird mir nie wieder jemand nehmen können und dafür bin ich sehr dankbar. Dankbar vor allem meiner Frau, sie ist es die mir diesen Ego-Trip ermöglicht und mich dabei unterstützt – auch wenn es nicht immer einfach ist.







