Ostseeman 04.08.2019

Langdistanz: 3,8km + 180km + 42,195

In den letzten Tagen vor dem Wettkampf steigt die Anspannung, das ganze Training soll sich an einem Tag entladen und man hat eigentlich fast keine Chance für einen zweiten Versuch. Alles muss passen, das Rad, die Fitness, die Gesundheit, die Ernährung während des Wettkampfes, das Wetter und ich habe auf dieser Distanz keinerlei Erfahrung – Immer wieder machen sich Zweifel breit.

Kurzfristig habe ich mich doch entschieden schon Freitagnachmittag loszufahren da ich am Samstag bis 18 Uhr meine Rad um die Wechselsachen schon eingecheckt haben musste und es bis nach Flensburg doch recht weit ist.
So ging es zwar schon am Freitag los – leider viel zu spät und bis Hannover hatten wir unzählige Staus und Baustellen. Dort sind wir um 23 Uhr angekommen um bei einem guten Freund zu übernachten. Die letzten 320 Kilometer sollten dann ein Klacks werde – wurden sie aber nicht. Wir hatten so viel Stau dass wir erst gegen 15 Uhr in Glücksburg waren. Glücklicherweise sind meine Kinder spitzenmäßige Autofahrer und haben kaum gemeckert – ich hatte auch schon längst keine Lust mehr! Aber gut, wir haben es ja geschafft und ich hatte dann genug Zeit um mein Rad aufzubauen und alles in Ruhe in die Wechselzone zu bringen.

Learning für´s nächste Mal: früher anreisen!

Anschließend ging es dann in unsere Ferienwohnung um endlich mal was zu essen, bisher gab es nur Brötchen, Muffins und Gummibärchen und langsam mach ich mir um meine Kohlenhydratspeicher sorgen – von wegen „Carboloading“ – ich bin fast am Verhungern. Und getrunken habe ich auch viel zu wenig. Aber jammern hilft ja nix – kurzfristig wird alles aufgefüllt und um 21 Uhr liege ich im Bett.

Die Nacht war einigermaßen in Ordnung, aber um 4:20 schon wieder vorbei. Frühstücken ging erstaunlich gut, ich bin sowieso schon hellwach und super nervös.
Um 5 habe ich mich dann zur Rennstrecke aufgemacht. Noch 2 Stunden und ich werde immer nervöser, meine Beine fühlen sich butterweich an und ich kann mir gar nicht vorstellen wie das heute was werden soll – zum Glück kenne ich diesen Zustand schon, das ist meistens so, normalerweise nicht so krass aber das liegt wohl an der Größe der bevorstehenden Aufgabe. Ich bin froh kurz vor dem Start noch meinen Vereinskollegen André zu treffen – das nimmt mir etwas die Nervosität. Das Wetter sieht super aus, es ist perfekt für einen Triathlon Tag, 20° bewölkt und wenig Wind. Um 7 Uhr geht es dann endlich los! Peng!
270 Starter der Langdistanz rennen ins Wasser, das Wasser ist schön ruhig und ich hoffe die ersten Meter gut zu überstehen. Es geht flach rein und man kann sehr lange laufen – ich entscheide mich dennoch für ein frühes schwimmen weil dort viele scharfe Muscheln und Steine im Wasser liegen, André hat sich beim Einschwimmen schon den Fuß verletzt. Nach ca. 200m kommt schon die erste Boje zum 90 Grad Knick auf die lange gerade des Rechteckkurses – wie zu erwarten ging es dort zu wie im Krieg- mehrmals würde ich Unterwasser gedrückt, habe aber wahrscheinlich auch einige untergetaucht…
Ich habe nach der Boje auf etwas Entspannung gehofft, dem war aber nicht so, es war immer noch alles etwas hektisch. Ich habe dann versucht auf der Außenseite zu schwimmen da hat man zwar keinen schwimmschatten und schwimmt eventuell ein paar Meter mehr aber wenigstens seine Ruhe. Nach ca. 800 Meter geht es dann wieder um zwei Bojen um wieder zurückzuschwimmen. Jetzt spürt man deutlich die Strömung gegen die man ankämpfen muss. Das war aber nicht alles, mit der Strömung sind uns noch Unmengen an Seegras und Quallen angekommen. Eine Qualle hat mich mal im Gesicht erwischt das hat ganz schön gebrannt, aber hilft ja nix – so ein Triathlon im Meer ist halt kein Kindergeburtstag. Ansonsten kann ich jetzt ziemlich entspannt schwimmen, und es geht in die zweite Runde, jetzt wieder mit der Strömung die lange gerade nach unten doch irgendwann wird das Wasser wellig und der Wind nimmt deutlich zu. Die Sonne ist plötzlich weg und dass Wasser schaltet von Badesee Modus auf Meermodus um. Die Menge an Quallen und Seegras nimmt nochmals deutlich zu als es wieder gegen die Strömung Richtung Ziel geht. Jetzt wird es auch wieder voller im Wasser, zu den vielen Quallen kommen wieder mehrere Schwimmer dazu. Viele scheinen mit den Bedingungen größere Problem zu haben und schwimmen sogar Brust. Ich überhole sogar einige Schwimmer der Mitteldistanz, die sind zwar 20 Minuten später gestartet, mussten aber auch nur eine Runde schwimmen. Jetzt bin ich richtig froh in Kroatien bei noch schlimmeren Bedingungen geübt zu haben. Nach 1:14 habe ich wieder Sand unter den Füßen und es geht ab zum Rad.

Check! Erster Teil geschafft!

Der Wechsel klappt wunderbar, es ist nur etwas voll im Wechselzelt aber die Helfer leisten ganze Arbeit und packen sogar den Neoprenanzug wieder ein. Ich schnappe mein Rad um fahr los – zu Beginn ist sehr viel los auf der Strecke da auch die meisten der ca. 500 Mitteldistanzstarter schon unterwegs sind.
Schon nach den ersten Kilometer sind die ersten Fahrer gestürzt – so viele Unfälle habe ich noch bei keinem Triathlon gesehen, in der ersten Runde sind mindesten 6 Fahrer gestürzt, für die war das Rennen schon vorbei. Ich bin hochkonzentriert und hoffe das mir das nicht passiert. Das Problem war dass die Strecke oft recht eng war und man musste höllisch aufpassen nicht gehen eine Warnbarke oder eine Pylone zu fahren. Später habe ich erfahren dass insgesamt 17 Starter verletzt wurden, einer wurde beim Schwimmen schwer verletzt und musste aus dem Wasser gezogen werden. 16 Personen sind beim Radfahren verunglückt, einer davon lebensgefährlich. Ich hoffe sie erholen sich alle wieder. Die erste Runde lief super, die Strecke war abgesehen von einer Passage mit unzähligen Schlaglöchern und einem sehr engen langen Abschnitt mit Gegenverkehr super schön! Ich halte mich zurück und Bremse den Drang die kleinen Wellen einfach wegzudrücken – es liegen ja noch ein paar Kilometer vor mir und das Dicke Ende kommt ja bekanntlich immer zum Schluss. Die letzten Kilometer der Runde ging es flott und kurvig wieder zurück Richtung Start/Ziel – viele Fahrer waren da so langsam unterwegs dass es echt genervt hat. Triathleten werden oft als schlechte Radfahrer verschrien weil sie nur geradeausfahren können – hier waren ganz viele davon…
Am Ende der Runde wurde man noch an einen kleinen Stimmungsberg von vielen Zuschauen hochgepeitscht – Adrenalin pur!
In der dritten Runde wurde es dann etwas ruhiger auf der Strecke und ich fühle mich immer noch ganz gut. Ab der 4. Runde wird es zunehmend windiger – komisch den Wind hatte ich doch eigentlich abbestellt! Jetzt ist auch meine Familie am Streckenrand angekommen und feuern mich tatkräftig an – ich freu mich sehr darüber!
Ab der 5. Runde verschwindet dann auch der Drang die Wellen wegzudrücken – ich werde schon langsam etwas müde. Aber gut es ist ja nach Abschluss der 5. Runde nur noch Eine!
Meine Ernährung scheint gut zu funktionieren- mit Gel, Iso, Riegeln und Bananen kommt mein Magen gut zurecht. Ich hoffe dass das auch so bleibt.
In der letzten Runde bin ich stellenweise lange alleine und überhole immer wieder Fahrer die gar keinen guten Eindruck machen. Ich bin aber auch froh dass ich es bald geschafft habe. Mein drittes Ziel war ein finish unter 11 Stunden, dafür wollte ich vor 14 Uhr mit dem Radfahren fertig sein – Check! Kurz vor zwei komme ich wieder in der Wechselzone an und schnappe mir meinen Beutel mit den Laufsachen.

Jetzt nur noch laufen! Schon komisch man denkt wirklich so – nach 7 Stunden Sport ist das meiste geschafft und man versucht sich zu motivieren und denkt dass jetzt nur noch der letzte Teil dran ist – was für ein Irrsinn! Es ist noch ein Marathon!
Ich ziehe sorgfältig meine Socken und Schuhe an um keine Blasen zu riskieren und dann geht es ab auf die Laufstrecke, meine Beine fühlen sich erstaunlich gut an und ich kann zügig mit einer 4:45er Pace anlaufen. Zu schnell? Keine Ahnung! Ich fühle mich gut und ich kann das Tempo locker laufen. Ich bin selbst überrascht wie gut meine Beine gehen. Nach zwei Kilometer kommt dann das böse Erwachen – es geht ziemlich heftig den Berg hoch und dann wieder runter und wieder hoch – etwa 4 Kilometer der 8 Kilometer Runde sind Ganz schön hügelig… am Schluss sollten dann 350 Höhenmeter auf meiner Uhr stehen.

Learning fürs nächste Mal: Höhenprofil der Laufstrecken genauer checken!

Am Ende der Runde habe ich noch einen kurzen Boxenstopp eingelegt – nach 8 Stunden muss man halt auch mal auf die Toilette. Zum Ende jeder Runde bekommt man ein Rundenband damit alle erkennen wie viele Runden man schon gelaufen ist. Ich habe schon mal mein Erstes.
Die zweite Runde läuft sich immer noch ganz ordentlich – jetzt weiß ich ja wann die Berge kommen und auf den flachen Passagen laufe ich immer noch eine 4:45er Pace. Zu Anfang der dritten Runde kommt er dann – der Mann mit dem Hammer. Ich wusste dass er mir auflauert, habe aber gehofft dass er erst etwas später kommt. Ab Kilometer 18 wird das Laufen immer schwerer, immerhin habe ich bald den Halbmarathon geschafft – jetzt noch die 3. Runde zu Ende laufen und dann hole ich mir mein viertes Rundenband ab und dann ist es nur noch eine Runde. Wieder so ein Quatsch – es sind noch über 20 Kilometer ins Ziel! Aber die Strategie funktioniert- zwar werde ich immer langsamer aber ich laufe noch… die Berge werden immer gemeiner aber ich laufe noch … ich bin in der vierten Runde und meine Beine brennen. Immerhin tut mir sonst nix weh! Ich denke an meine Kinder, an alle die den Lifeticker beobachten oder vielleicht an mich denken. Ich möchte dass es weiter geht. Ich möchte ins Ziel kommen! Die unzähligen Trainigsstunden sollen nicht umsonst gewesen sein. Ich möchte dass meine Kinder stolz auf mich sind und ich möchte mit ihnen zusammen ins Ziel laufen. Langsam bin ich mir nicht mehr so sicher ob die 11 Stunden Marke noch machbar ist. Ich laufe in den flachen Abschnitten meist nur noch eine 5:25er Pace, aber ich laufe…
Ich gehe nach knapp 10 Stunden in meine letzte Runde – vielleicht wird es doch noch was mit einem sub11 finish! In der letzten Runde überhole ich nochmals so viele Leute denen es noch schlechter geht wie mir. Staffelläufer die in ihrer ersten Runde sind und schon gehen, viele gehen oder sind noch langsamer als ich. Ich laufe immer noch – langsam aber ich laufe. Ich zähle die Kilometer rückwärts und bringe die „Berge“ hinter mich. Noch vier Kilometer, eigentlich ein Klacks wenn man schon 222 Kilometer hinter sich hat. Noch zwei Kilometer, so langsam bin ich mir sicher dass ich es schaffe, noch ein Kilometer! Ich kann schon den Steg sehen an dem alles heute früh losgegangen ist. Ich überhole immer noch Leute und dann darf ich endlich ins Ziel abbiegen – meine Familie wartet schon am Zielkanal und wir laufen zusammen über die Ziellinie! Davon habe ich monatelang geträumt – ihnen gehört dieser Moment genauso wie mir – vor allem meine Frau hat in den letzten Monaten etwas leiden müssen, mich aber immer unterstützt.
Ich bin platt, meine Beine brennen wie Feuer und eigentlich möchte ich keinen Meter mehr gehen… was für ein Wahnsinn! Nach 10:43 habe ich meine erste Langdistanz gefinisht – ich bin stolz, zufrieden, überglücklich und erledigt. Später habe ich erfahren dass ich von den ca. 200 Startern Platz 54 belegt habe und Platz 13 in meiner Altersklasse.